Weblog: Klaus Schlichter | Geschichten vom Typopunk, Layoutrocker und Designhippie

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Durchfall mit Todesfolge


Jaja, mal wieder so ein Comic-Zitat :-) Diesmal stammt es aus dem preisüberhäuften Werk "Wanted" von Autor Mark Millar und Zeichner J.G. Jones. Mit einem Western, wie der Titel vermuten lässt, hat das alles aber nichts zu tun, auch nicht mit Verdauungsstörungen. Es ist alles viel, viel schlimmer...

Ich hatte ja etwas in Richtung Krimi erwartet: Wesley Gibson, ein "Armleuchter" (wie es im Comic anfangs noch zurückhaltend heißt), soll das Erbe seines ermordeten Vaters antreten. Den hat er zwar nicht gekannt, dafür winken 50 Millionen Dollar. Das klingt nicht schlecht, ist aber an eine Bedingung geknüpft: Wesley soll auch beruflich in die Fußstapfen des Vaters treten - und der war nun ausgerechnet der beste Auftragskiller der Welt!

Ursprünglich als sechsteilige Miniserie publiziert, gibt es die gesamte Geschichte nun auch komplett in einem Band. In der Einleitung wird dann gleich mal klar gestellt, dass da nun was ganz Schlimmes folgt, die Macher des Werks aber die nettesten Menschen überhaupt sind. Okay. Also los...

Und tatsächlich ist "Wanted" weit, sehr weit von etwas "Nettem" entfernt. Eine äußerst wüste Ausdrucksweise und ein ruppiger Ton zieht sich durch den kompletten Comic. Dazu sind die Akteure in keinster Weise zimperlich - in jeglicher Hinsicht. Man hält (sich) mit nichts zurück. Und dazu beweist der Zeichner J.G. Jones sein Können in naturalistischer, detailreicher Form. Huiuiui... So genau will man das alles doch gar nicht sehen... Aus dem erwarteten Krimi wird recht schnell eine Superhelden-Geschichte. Oder besser gesagt: Eine Superschurken-Geschichte, denn "die Guten" gibt es nicht mehr... Und ohne "Gutes" auch nichts "Nettes". Das erklärt vielleicht die Ruppigkeit an allen Ecken und Enden. Für meinen Geschmack dann leider doch etwas zu viel des Guten Bösen :-/

Zugegeben: Die Idee, die Story an sich, ist spannend, die Zeichnungen sind äußerst passend und die Geschichte ist cool in Szene gesetzt. Ich hätte mir da aber wohl irgendwie etwas mehr "Finesse" gewünscht. Vor allem sprachlich, ab auch, was das Ende betrifft... Und überhaupt... Naja - es sind eben richtige Schurken und keine Gentleman-Assassinen ;-)
[SPOILER] Die Erzähltechnik, wie Wesleys Vater zu Tode kommt, ist schon sehr trickreich. Allerdings hatte ich gleich die Vermutung, dass er wohl - trotz der blutreichen Darstellung - noch am Leben sein wird. Die "Übergabe" der Nachfolge ist dann schon nochmal ein Schocker, aber der Ausgang der Geschichte letztlich eben recht vorhersehbar. Ausgehend von der anfänglichen Beschreibung "der Schuss wurde angeblich zwei ganze Städte weit weg abgefeuert", hatte ich ein Szenario vor Augen, bei dem Wesley der Schütze ist - wie auch immer das möglich sein sollte ;-) Aber das wär' dann wohl eine andere Geschichte gewesen... [/SPOILER]

"Nett" wird es dann allerdings doch noch: Nach dem Comic. Verschiedenste Comic-Künstler haben sich den Charakteren von "Wanted" angenommen und sie in ihrem eigenen, vorwiegend naturalistischen Zeichenstil porträtiert. Darauf folgen die Cover der Einzelausgaben sowie einige Varianten. Nach dieser Galerie gibt's dann noch eine Art "Making-Of" des Comics: Figurenentwürfe, Skizzen mit Randbemerkungen und Änderungswünschen des Autors sowie etliche geänderte Panels - teilweise allerdings recht klein abgedruckt. Dieses "nette" Bonusmaterial lässt dann doch ein wenig über den ruppigen Ton im Comic hinweg sehen. Aber eben nur ein wenig ;-)

Schnell noch ein Blick auf die Umschlaggestaltung. Mein erster Gedanke: Nanu - schon wieder ein teillackiertes Cover... So langsam glaube ich, das gehört mittlerweile zum Standard bei Comics. Bei diesem Buch hätte man aber vielleicht auch darauf verzichten können, denn aufgrund der umgebenden Farben, welche die (lackierten) Bereiche eh schon klar abgrenzen, passiert hier vom "Matt-Glanz-Kontrast-Effekt" her leider nicht viel. Dafür ist das Titelmotiv schön plakativ und hat durchaus optische Reize: Insgesamt sehr monochrom gehalten, dazu leuchtend rote (Schutz-)Brillengläser - das hat schon was. Die Ansammlung an abgebildeten Waffen hätte mir da aber vielleicht schon zu denken geben sollen...

Ach ja: Ein Schurke muss sich wohl auch in die Grafik-Abteilung des Verlags geschlichen haben, denn die Zwischentitel wurden mit einem Pseudo-3D-Strukturmuster gefüllt, dessen Verwendung in dieser Form wohl schon immer ein Verbrechen war. Wild ;-)
14.03.2011 17:25 Uhr | Noch keine Kommentare | Buch, Comic, Rezension
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